New York – Stadt mit tausend Gesichtern

Artikelauszug Zeitung Südostschweiz, Autorin Astrid Brunner


*Mit ihrer Ausstellung begegneten die Swiss Artists From Glarus New York

 

Die Glarner Künstler sind mit Eindrücken aus New York zurückgekehrt, die so verschieden sind wie die tausend Gesichter der Stadt. Kaum schaut man eines genauer an, ist es schon ein anderes. Die Vielfalt der Gesichtsausdrücke hängt vom Licht ab – in diesem Fall vom Licht jedes einzelnen Künstlers, der sich an der Ausstellung am Broadway beteiligt. *

 

Von etwa 30 Swiss Artists nehmen an die 20 an der Vernissage in Abraham Lubelskis Galerie im Quartier Latin von New York City (NYC) persönlich teil. Mit Erwartungen, ohne Erwartungen, manche auch mit einem Mix aus Abenteuer und Vorurteil. Da Kunst ihrem Wesen nach Experiment ist, wird hier – am Puls der Kunst im SoHo-Viertel von NYC – experimentiert und nicht erwartet. Dies drückt sich, zum Entsetzen einiger, zum Amüsement anderer, im Äusseren der beiden Lubelski-Galerie am Broadway aus: Abbruchstelle neben eingegittertem Parkplatz ist die eine Galerie, codeverschlüsseltes enges Hochhaus mit kleinem Lift zum 7. Stock die andere.

 

Im Treibhaus des Kunstschaffens

Kunst wird im grössten nordamerikanischen Treibhaus des Kunstschaffens vom Publikum konsumiert wie das tägliche Brot. Man sucht sich selbst den Bäcker aus. Patisserievitrinen nützen nichts denn man weiss was man will. So kommen denn auch ohne grosses Getrommel an die 30 Besucher. Gallery-Aficionados die wie Kolibris von einer Kunstblume zur anderen fliegen, je bunter und süsser, je besser: auch Künstler, wie NYC-Porträtistin und Malerin Geri Fournier, die von den Glarner Künstlern so überrascht und eingenommen ist, dass sie zu spät zu ihrem Dinner-Engagement kommt. Schliesslich gibt es das Publikum, wie etwa die aus der Schweiz stammende Sitcom-Künstlerin Linda Geiser, das gezielt zur Glarner Vernissage kommt und bis zum Schluss aus spezifischen Interesse dabei ist. Wer gehört im SoHo dazu? Die Werke der Weisen unter den Glarner Künstlern fügen sich ungezwungen in den SoHo-Kunstzusammenhang. Neu sind im NYC Stein- und Zementgetümmel die Natursteinarbeiten von Hans Ueli und Fredi Knobel. Fotografie ist zwar in NYC eine Alltäglichkeit, doch man sieht sich um nach Fridolin Walchers Sujets. Auch an Performance Art mangelt es in NYC nicht – und doch verweilt man ein bisschen – beifällig kommentierend – bei Sarah Burger Pre-Raphelite-Boticelli-Meditation-Mit-Globus auf dem Treppenabsatz der Abbruchstellen-Galerie.

 

Der Applaus ist auch einigen der darstellenden Künste nicht versagt, was ebenfalls erstaunt – denn eine Galerie, die wie Lubelskis, auf der Titelseite ihrer Kunstzeitschrift des kürzlich verstorbenen amerikanischen Ikonoklasten Balthus mit seinem Gemälde „Guitar Lesson“ gedenkt, braucht keinen neuen Maler.

 

Erstaunlich in der Stadt, wo Tiffany Vater und Sohn, also Schmuck und Glas mit Seattle Glaskünstler Dale Chihulys Werken im Rockefeller Center Schulter an Schulter stehen, dass Goldschmied Peter Oberholzer besondere Beachtung erntet. Oberholzer soll als Beispiel für die Haltung dienen, mit welcher man als Aussenseiter NYC begegnen soll. Aus seiner Einstellung heraus habe er „nur positive Erfahrungen gemacht“, sagt der Glarner Goldschmied. Ihm gings ums „NYC für mich entdecken – Museen, Galerien, Wolkenkratzer bestiegen, Jazzkonzerte anhören, einkaufen“. Dann war auch die Vitrine für die Ausstellung an den Lubelski Galerien zu besorgen, die Oberholzer nach zweitägigem Suchen auch fand – nach Stadtmärschen „bei eisiger Kälte und Schneegestöber und einem ausgewachsenen Muskelkater“. Dabei lernt Oberholzer diesen „Moloch von einer Stadt“ kennen – „Fifth Avenue, Time Square, Wall Street, East Village, Chelsea, Harlem, Downtown, Uptown“. 
Glarner berge in New York.

 

Glarner Berge in New York City

“Ich musste aber auch immer wider in den Central Park, um aufzutanken, ein paar Bäume zu sehen, Vögel singen zu hören und einfach die Ruhe geniessen.“ Da kommt Oberholzers Limelight-Schmuck-Stück – sein letztes vor NYC – ins Spiel. Der „Linth Valley Ring“ ist ein Relief des Glarnerlandes und seiner Berge – verschiedener von NYC könnt’s nicht sein – im Massstab 1:500 000. „Angefangen beim Walensee, talaufwärts bis zum Ursprung der Linth, zum Tödimassiv“. Das Linth-Tal, mit seinen Höhen und Tiefen, läuft „endlos um den Finger, so dass nach dem Tödi gleich wieder der Walensee kommt“, kommentiert Oberholzer.

 

Dies sind die Arbeiten, denen bei der Vernissage gleich verschiedene Leute sozusagen zum Opfer fallen – eine Glarner Künstlerin und zwei Kanadier. Oberholzer betrachtet den Ring als eine Gravur, das heisst von seinem in intensiver, tagelanger Feinarbeit mit Lupe, Stichel und Fräser auf grund von Glarnerland-Modellen hergestellten Wachsmodell des „Linth Valley“ fertigt der Goldschmied eine limitierte Ausgabe von Ringen als nummerierte Kleinserie. Sauve qui peut! Wer Glück hat, bekommt noch eine Kopie ! unterdessen ist das Original bei der Smithsonian Institution angemeldet. Mal sehen was die New Yorker Kunst-Nabelschnur mit so viel Bergsinn machen wird. „Ich habe mich in letzter Zeit viel mit Oberflächenstrukturen befasst, welche immer grober und tiefer wurden – bis ich automatisch auf Berge und Täler gestossen bin“, sagt Oberholzer abschliessend. Mittlerweile ist der Ring auch für das Glarner Publikum in der Vitrine von Oberholzers Goldschmiede-Atelier in Glarus zu sehen.

 

„So – so long Broadway…” – vieles an der Gruppe von Glarner Künstlern erregte Staunen im zahlenmässig mässigen Vernissage-Publikum. Dies hat zum Teil mit der Unvoreingenommenheit des NYC-Kunst-Publikums zu tun – nach dem Prinzip, dem Angeklagten das Recht, bis das Gegenteil bewiesen – zum Teil auch mit der Haltung der Künstler selber. Im von Barbara Streiff inspirierten Abenteuer „Swiss Artists From Glarus“ hatten es die Aufgeschlossenen unter den Glarner Künstlern am leichtesten – denn auch NYC ist schliesslich nur eine Konglomeration von kleinen menschlichen und kulturellen Einheiten.

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