Artikel im Goldor Nov. 2014

Das Glarner-Relief immer dabei

Er liebt die Berge und verewigt sie in Gold, Silber und Platin. Peter Oberholzer hat das Goldschmiede-Handwerk autodidaktisch erlernt. Auch nach 30 Jahren ist sein Feuer für Steine und Schmuck ungebrochen. Damit kontaminiert hat er auch seine Kinder, besonders Sohn Alexander, der sich in Pforzheim zum Goldschmied ausbilden lassen will.

 

Vieles ist selbst gemacht, im Atelier von Peter Oberholzer an der Hauptstrasse im Zentrum von Glarus: von den ausdrucksstarken, meist opulenten Schmuckstücken bis zu den originellen Vitrinen in denen sie ausgestellt sind. Im Hintergrund läuft leise Jazzmusik, an der Wand hängt ein grosses Schwarz-Weiss-Bild von den Tschingelhörnern, die über dem berühmten Martinsloch oberhalb von Elm thronen. Berge faszinieren den 54-Jährigen schon immer. Ob auf dem Snowboard, den Skiern, beim Wandern oder Klettern, wo es Felsen gibt, da fühlt sich der gebürtige Zürcher daheim. „Als ich Anfang der Achtzigerjahre ins Glarnerland kam, bin ich mit Hund Tasco während des ersten Sommers in jeder freien Minute auf den Alpen herumgestiefelt“, erinnert er sich. So sei es wohl kein Zufall, dass er auf den „Bergschmuck“ gekommen sei.

Gelernt hat Oberholzer Automechaniker. Auf feinere Dinge wie Schmuck kam er als junger Erwachsener auf einer Reise durch Südamerika. „Dort habe ich mit Steinen, Korallen, Nüssen, Holz und allem was die Natur geboten hat, gebastelt und experimentiert, bis daraus ansehnliche Schmuckstücke entstanden sind“, erzählt er. Diese habe er später auf dem Rosenhof Markt in der Zürcher Altstadt erfolgreich verkaufen können. Seit 1985 lebt er vom Schmuckherstellen. Gerne beliefert er auch Wiederverkäufer.

 

Bergschmuck im Zentrum

Was vor 30 Jahren begonnen hat, entwickelte sich stets weiter bis zum heutigen Bergschmuck. In seinem Atelier in Glarus schleift und fasst Oberholzer auch Steine und Kristalle, die er in der Bergwelt selber findet oder die ihm Kunden zum Verarbeiten bringen. Ein weiteres Thema ist Kletterschmuck. Da gibt es vom Anhänger mit dem goldenen Karabiner bis zum Bergsteiger alles, was erwünscht ist. Der Goldschmied stellt auch „gewöhnlichen“ oder eben auffälligen Schmuck her, mit dem Bergschmuck aber, der vorwiegend aus Relief- und Panorama-Ringen besteht, hat sich Peter Oberholzer über die Landesgrenze hinaus einen Namen gemacht. So weiss er von Leuten, wie beispielsweise alt-Regierungsrätin Marianne Dürst oder ein paar Heimwehschweizern in den USA, dass sie nie ohne „ihre“ Glarneralpen am Finger unterwegs sind.

 

Irgendwann fing Peter Oberholzer an Strukturen in Metalloberflächen zu fräsen. Diese erinnerten ihn an Reliefs. Im März 2001 durfte er zusammen mit anderen Glarner-Künstlern an einer Gruppenausstellung in der Galerie Abraham Lubelski am Broadway in New York  teilnehmen. Eigens dafür fertigte er seinen ersten Reliefring mit den Glarneralpen. Das Resultat stiess auf positives Echo. „Die zwei Exemplare, die ich mitgenommen hatte, konnte ich vor Ort verkaufen. Anschliessend stellte Oberholzer davon eine nummerierte Kleinserie von 20 Stück her.

 

Neue Techniken

Bis anhin hat er die Schmuckstücke anhand von Fotos und Gipsreliefs hergestellt. Das nächste Projekt sind Anhänger und Ringe, die auf Grund der topografischen Daten vom zuständigen Bundesamt entstehen sollen. Die Reliefs will Oberholzer mit seiner CNC-Maschine ausfräsen. „Mit den neuen Techniken bringe ich die Strukturen naturgetreu in das Edelmetall“, sagt er, „das ist mir wichtig. Ich möchte nichts abstrahieren.“ Da lacht sein Sohn Alexander Oberholzer, der neben ihm sitzt und einen Ring bearbeitet: „Papa ist modern geworden.“ Beide sind überzeugt, dass durch den Einsatz von Computern die Kunst und das Handwerk nicht zu kurz kommen: „Die Idee ist die Kunst. Die neuen Techniken bieten Möglichkeiten, die ansonsten kaum bezahlbar wären und Handarbeit gehört ja sowieso immer dazu.“


Der 20-Jährige wusste schon früh, dass er ebenfalls Goldschmied werden will. Sein Vater schickte ihn hinaus, um andere Berufe kennenzulernen. Gefallen hat Alexander dabei die Landschaftsgärtnerei, ein Gebiet auf dem er momentan arbeitet. Nebenbei verbringt er viel Zeit im Atelier seines Vaters und übernimmt auch schon Ferienablösungen. Alexander will sich bei der Goldschmiedeschule in Pforzheim anmelden, um eine Lehre als Goldschmied in Angriff zu nehmen. „So sehe ich nicht nur das Atelier hier in Glarus sondern lerne auch eine neue Region und andere Leute kennen“, sagt der junge Mann.

 

Leora im Aussendienst

Irgendwann will Alexander Oberholzer das Geschäft übernehmen. Sein Vater kann sich gut vorstellen, sich nach und nach zurückzuziehen. „Ich freue mich auf den Tag, an dem ich nur noch machen kann, was ich am liebsten mache, nämlich Schmuck. Auf Administration, Buchhaltung oder Korrespondenz verzichte ich gerne“, schmunzelt der sympathische Goldschmied. Alexander hat zwei Schwestern, die ihr Interesse am Betrieb ebenfalls angekündigt haben. Rayen (26) hat Jus studiert. Sie spricht davon, einmal die Administration zu übernehmen. Die vierzehnjährige Leora sei sehr kommunikativ und liebäugle heute schon mit einem Job in Verkauf und Aussendienst. Der Vierte im Bunde ist Bruder Jim (28). Er ist Verkaufsleiter bei einer Fahrzeugbaufirma und zeigt kein Interesse an der Goldschmiede.


 „Ja, das tönt alles sehr schön“, schmunzelt Peter Oberholzer. „Sollte es tatsächlich so weit kommen, dass meine Kinder das Geschäft weiterführen, so wäre ich bestimmt glücklich damit.“ Aber bis dahin werde wohl noch einige Zeit vergehen. Der nächste Schritt ist sicher Alexanders Ausbildung in Pforzheim. „Ich habe viele Jahre alleine gearbeitet und kann mir vorstellen, dass es mit Alex zusammen sehr schön wäre“, sagt Oberholzer. „Wir würden uns  gegenseitig inspirieren und ich könnte von neuen Freiheiten profitieren.“  

                                                                                                                        

Daniela Bellandi


Südostschweiz Sept, 2014

Der Herr der Ringe
Der Glarner Goldschmied Peter Oberholzer versetzt Berge – auf wertvolle Schmuckstücke aus Silber und Gold
Viel Zeit, viele Gedanken und viel Mühe investiert der Glarner Goldschmied Peter Oberholzer in sein neustes Schmuckstück. Sein jüngster «Bergring» zeigt das Vorderglärnisch-Panorama – aus Ennendaner Sicht. 

Von Lisa Koch (Text) und Maya rhyner (Bilder)


Es funkelt und glänzt im Schaufenster von Peter Oberholzer.
Gold- und Silberketten, Perlen und kostbar geschliffene Steine aus der Region buhlen um die Aufmerksamkeit des Betrachters. Doch ein Schmuckstück fällt besonders ins Auge.

Winzig klein –und doch gut zu erkennen – liegt das gesamte Vorderglärnisch-Massiv im
Schaufenster. Verewigt auf der Oberfläche eines kleinen Ringes.
Der Vorderglärnisch – von Ennenda aus betrachtet – ist der neuste Panorama- Ring von Goldschmied Oberholzer. Seit rund einer Woche gesellt er sich im Schaufenster zu den anderen «Bergringen» mit Tödi-, Wiggis- oder dem Tschingelhörner- Panorama. «Diesen Ring habe ich schon sehr lange im Kopf», erzählt Oberholzer, während er ihn vorsichtig
aus dem Schaufenster nimmt. «Genau so sehe ich den Vorderglärnisch, wenn
ich bei mir Zuhause in Ennenda aus dem Fenster schaue», erzählt der 54-Jährige.
Neben dem Berg funkelt ein kleiner Diamant. «Er symbolisiert die Sonne, die über dem Klöntal untergeht.» Bevor der Ring aber seinen Platz im Schaufenster einnehmen kann, gehen viele Arbeitsschritte voraus. Begonnen hat alles mit einem Foto vom Vorderglärnisch
– gemacht von einem Standpunkt, von dem aus viele Glarner den Berg kennen – von Ennetrösligen. Das Foto bearbeitet Oberholzer am Computer, arbeitet Kontraste am Horizont heraus und verkleinert es dann. Den Mini-Ausdruck der Panoramaaussicht klebt er ins Innere eines Silberringes, den sogenannten Prototyp, den
er zuvor in zwei Hälften geteilt hat. So kommt er beim anschliessenden herausfräsen
der Bergkanten besser in alle Ecken. Während nach und nach die Umrisse des Vorderglärnisch entstehen, brummt, zischt und quietscht es im Atelier an der Glarner Hauptstrasse – Geräusche wie in einer Zahnarztpraxis dringen ans Ohr. immer wieder unterbricht Oberholzer seine Arbeit, weil sich Kunden im Laden für die Schmuckstücke interessieren. «Das erste, was ich am Morgen mache – ich ziehe meinen Kraftring an», erzählt eine Kundin, die bereits mehrere Jahre einen Bergring von Oberholzer besitzt.
«Viele verbinden mit diesen Schmuckstücken Emotionen und Heimatgefühle», weiss der Goldschmied aus Gesprächen. «Das freut mich sehr.» Auch er selbst hat sich mit der Herstellung dieses Vorderglärnisch-Rings einen
langgehegten Wunsch erfüllt. «Der fehlte definitiv noch in meiner Sammlung.» Dadurch, dass es nun einen Prototyp geben wird, könne er den Ring künftig leichter vervielfältigen und seinen Kunden auch preiswerter anbieten. Doch nach dem Fräsen ist der Ring längst nicht fertig. Stehen die groben Umrisse, geht es mit der Kopflupe an die Feinarbeit. Mit einem Gravier-Stichel arbeitet Oberholzer die Struktur des Berges heraus – jede Verschiebung, jeder Schrund und jedes Tälchen findet möglichst originalgetreu seinen Platz. Immer
wieder huschen die Augen des Goldschmieds zwischen seinem Foto und dem Ring hin und her. Um einen Eindruck davon zu bekommen, wie die Struktur später aussehen wird, schwärzt Oberholzer seine Gravur. «So sind die Vertiefungen besser zu erkennen», erklärt er. Erst wenn er absolut zufrieden ist, folgt der nächste Schritt – die «Hochzeit» der Ringe.
Dazu werden die zuvor zerschnittenen Ringhälften mit kleinen Nieten wieder zusammengelötet. Durch die zweite Ringhälfte liegt der Berg vertieft im Ring und wird so von den Umrissen geschützt. Dieser Prototyp wird dann in eine Giesserei geschickt, die für Oberholzer eine Gussform herstellt. Nun kann der Goldschmied beliebig oft Abgüsse
des Rings herstellen. Ganz ohne Lötstellen –aus einem Guss. Doch auch jetzt ist der Ring noch nicht fertig. Erst wird noch ein gelbgoldener Innenring in das Silbermodell gelegt. «Dadurch wird das Vorderglärnisch-Relief mit einem wunderbar goldenen Himmel hinterlegt und kommt besser zur Geltung», sagt Oberholzer. Beide Teile werden verlötet und
die Ringkanten fein abgeschliffen. Nur so leuchtet der Ring später nicht nur besonders hell im Schaufenster, sondern ist auch angenehm zu tragen.


Peter Oberholzer arbeitet seit vielen Jahren auch an Reliefs mit Glarner Bergzügen. Mit einer neuen Fräse kann er Teile der Schweiz, mittels digitaler Geodaten des Bundes, auf die Grösse einer Schoggitafel oder einzelne Kantonsteile auf 4x-4-Zentimeter-Anhänger
bringen. (lmk)


SAC - Zeitschrift Alpen 2001

Im März 2001 trug Peter Oberholzer zwei schwere Silberringe im Schmuckkästchen nach New York. Die Ringe waren für die Ausstellung „Glarner Künstler in Manhattan“ in der Abraham Lubelski Gallery am Broadway bestimmt. Sie stellten im Massstab 1:500 000 das gesamte Linthtal im Relief dar. Und bildeten den Beginn einer spannenden Schmuckserie.

„Angefangen beim Ursprung der Linth, vom Tödi talabwärts bis zum Walensee. Das Linthtal, mit seinen Höhen und Tiefen, läuft endlos um den Finger, so dass nach dem Tödi gleich wieder der Walensee kommt.“, stand 2001 in einem Zeitungsinterview mit Schmuckdesigner Peter Oberholzer. Die 20 mit dieser Originalgravur gefertigten Ringe sind unterdessen längst verkauft. Der „Linth Valley Ring“ ist Geschichte und zugleich der Beginn des Bergschmuck-Werks von Peter Oberholzer.

Ein Beginn ohne Berge

Aufgewachsen in Zürich, absolviert Peter Oberholzer eine Mechanikerlehre in Dübendorf. Kurz danach treiben ihn 1981 Abenteuerlust und Fernweh in die weite Welt, nach Mexico, Guatemala und Belize. Monate später wieder in der Schweiz, arbeitet er als Lastwagenchauffeur in Zürich. Doch die Stadtluft behagt ihm nicht, und er verlegt 1983 seinen Wohnsitz nach Rüti/GL. Hier erlebt er erstmals ganz bewusst das Zusammenspiel von Heimat und Berge. Trotzdem zieht es ihn nur ein Jahr später wieder in die Ferne, diesmal nach Südamerika – Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien, Brasilien. Auf dieser längeren Reise erkennt Oberholzer seine „Berufung“:
In Ecuador fängt er an, Schmuck herzustellen „mit Korallen, Steinen, Federn“. Zurück in der Schweiz wandelt er diese Erfahrung bewusst in seinen Beruf um.
Er lernt „das Schleifen von Edelsteinen, die ich dann sofort zu in Silber gefassten Schmuckstücken verarbeitete und auf Märkten verkaufte“. Neben dem Experimentieren belegt Peter Oberholzer auch Kurse für Edelsteinfassen, Arbeitstechniken, Platinverarbeitung.

Nach dem Tal die Berge

Heute ist Peter Oberholzer Vater von 4 Kindern und führt sein Atelier am Gemeindehausplatz in Glarus.
Hier entsteht im März 2001 der am Broadway viel bewunderte „Linth Valley Ring“. Der Erfolg hat Auswirkungen, der Landschaftsschmuck wird weiterentwickelt.
Nun sind es einzelne Bergmassive, die dank des grösseren Maßstabs detaillierter herausgearbeitet werden können: Tödi, Ortstock, Tschingelhörner, Glärnisch, Wiggis, Piz Bernina, Eiger-Mönch-Jungfrau und Matterhorn. „Es kommen laufend neue Motive dazu“, erläutert Oberholzer, „man kann auch seinen Lieblingsberg auf einem Ring oder einem Collier verewigen lassen.“ Auch den Mount Everest, den Oberholzer gerne in Metall umsetzen würde.

Stadt und Land

Das neueste Modell, als Reliefring gefertigt, ist der Zürichseering.
Diese Arbeit vereint die Region seiner Kindheit, die Stadt Zürich, mit dem Glarnerland. Aus der Idee, die Aussicht von Zürich auf das Vrenelisgärtli und das Glärnischmassiv, auf einen Ring zu projezieren, entstand ein einzigartiges Schmuckstück.
Die Landschaft um den Zürichsee, Albiskette, Sihltal, Forch, Seedamm, etc. ist ebenso detailiert herausgearbeitet wie die bergigen Regionen vom Sihlsee und Wäggitalersee bis zum Glärnischmassiv. Je länger man sich diesen Ring anschaut, desto mehr nimmt einem dieses faszinierende Stück gefangen.

Wenn Liebe Berge versetzt

Nicht nur die Bergmotive werden reichhaltiger, auch die Technik hat sich geändert. Während beim „Linth Valley Ring“ neben diversen Fotos noch ein Original-Schulrelief der Kantonsschule Glarus Modell stand, entnimmt Oberholzer jetzt die Formen und Strukturen für die Einzelansichten neben Fotos auch einem speziellen Computerprogramm. Mittels Stichel und Fräser wird alles direkt aus Silber und Gold herausgearbeitet. Oberholzers Bergschmuck erinnert oft an feine Scherenschnitte in Edelmetallen.
Ganz speziell sind seine Berg-Eheringe, die nicht nur Liebende, sondern auch Bergregionen verbinden. Für Braut und Bräutigam aus verschiedenen Regionen der Schweiz, die beispielsweise aus dem Berner Oberland und dem Glarnerland ins Studio kommen, vereint Oberholzer Finsteraarhorn und Glärnisch zu einem Schmuckstück. Ganz nach dem Motto, dass Liebe Berge – diesmal auf einen Ring – versetzen mag.

Schmuck-Berge

Selbstverständlich gibt es bei Oberholzer auch Nicht-Hochzeitliches für Bergliebhaber, so die Glarner Hauptüberschiebung an den Tschingelhörnern oder der Kristallkluft-Ring der mit feinsten Glarner Kristallen besetzt ist.

Das ist pure Bergbegeisterung seitens des Schmuckkünstlers Oberholzer. Die äussert sich auch in seinen bergbezogenen Hobbys wie Klettern, Bergsteigen, Wandern, Skifahren, Snowboarden. Der Seiltanz von Kunst und Kommerz, die Liebe zu den Bergen und zu seiner Familie, die Wanderjahre in Südamerika, die ansteckende Begeisterung für Kunst und Leben kommen im Bergschmuck vom Gemeindehausplatz in Glarus zum Ausdruck.


Autor(en): Astrid Brunner, Linthal und French Lake/Kanada

Erschienen in: SAC - Zeitschrift Alpen


Erschienen in der Südostschweiz 2001

New York – Stadt mit tausend Gesichtern.


*Mit ihrer Ausstellung begegneten die Swiss Artists From Glarus New York

Die Glarner Künstler sind mit Eindrücken aus New York zurückgekehrt, die so verschieden sind wie die tausend Gesichter der Stadt. Kaum schaut man eines genauer an, ist es schon ein anderes. Die Vielfalt der Gesichtsausdrücke hängt vom Licht ab – in diesem Fall vom Licht jedes einzelnen Künstlers, der sich an der Ausstellung am Broadway beteiligt. *

Von etwa 30 Swiss Artists nehmen an die 20 an der Vernissage in Abraham Lubelskis Galerie im Quartier Latin von New York City (NYC) persönlich teil. Mit Erwartungen, ohne Erwartungen, manche auch mit einem Mix aus Abenteuer und Vorurteil. Da Kunst ihrem Wesen nach Experiment ist, wird hier – am Puls der Kunst im SoHo-Viertel von NYC – experimentiert und nicht erwartet. Dies drückt sich, zum Entsetzen einiger, zum Amüsement anderer, im Äußeren der beiden Lubelski-Galerie am Broadway aus: Abbruchstelle neben eingegittertem Parkplatz ist die eine Galerie, codeverschlüsseltes enges Hochhaus mit kleinem Lift zum 7. Stock die andere.

Im Treibhaus des Kunstschaffens

Kunst wird im größten nordamerikanischen Treibhaus des Kunstschaffens vom Publikum konsumiert wie das tägliche Brot. Man sucht sich selbst den Bäcker aus. Patisserievitrinen nützen nichts denn man weiß was man will. So kommen denn auch ohne großes Getrommel an die 30 Besucher. Gallery-Aficionados die wie Kolibris von einer Kunstblume zur anderen fliegen, je bunter und süßer, je besser: auch Künstler, wie NYC-Porträtistin und Malerin Geri Fournier, die von den Glarner Künstlern so überrascht und eingenommen ist, dass sie zu spät zu ihrem Dinner-Engagement kommt. Schließlich gibt es das Publikum, wie etwa die aus der Schweiz stammende Sitcom-Künstlerin Linda Geiser, das gezielt zur Glarner Vernissage kommt und bis zum Schluss aus spezifischen Interesse dabei ist. Wer gehört im SoHo dazu? Die Werke der Weisen unter den Glarner Künstlern fügen sich ungezwungen in den SoHo-Kunstzusammenhang. Neu sind im NYC Stein- und Zementgetümmel die Natursteinarbeiten von Hans Ueli und Fredi Knobel. Fotografie ist zwar in NYC eine Alltäglichkeit, doch man sieht sich um nach Fridolin Walchers Sujets. Auch an Performance Art mangelt es in NYC nicht – und doch verweilt man ein bisschen –
beifällig kommentierend – bei Sarah Burger Pre-Raphelite-Boticelli-Meditation-Mit-Globus auf dem Treppenabsatz der Abbruchstellen-Galerie.
Der Applaus ist auch einigen der darstellenden Künste nicht versagt, was ebenfalls erstaunt – denn eine Galerie, die wie Lubelskis, auf der Titelseite ihrer Kunstzeitschrift des kürzlich verstorbenen amerikanischen Ikonoklasten Balthus mit seinem Gemälde „Guitar Lesson“ gedenkt, braucht keinen neuen Maler.
Erstaunlich in der Stadt, wo Tiffany Vater und Sohn, also Schmuck und Glas mit Seattle Glaskünstler Dale Chihulys Werken im Rockefeller Center Schulter an Schulter stehen, dass Goldschmied Peter Oberholzer besondere Beachtung erntet. Oberholzer soll als Beispiel für die Haltung dienen, mit welcher man als Außenseiter NYC begegnen soll. Aus seiner Einstellung heraus habe er „nur positive Erfahrungen gemacht“, sagt der Glarner Goldschmied. Ihm gings ums „NYC für mich entdecken – Museen, Galerien, Wolkenkratzer bestiegen, Jazzkonzerte anhören, einkaufen“. Dann war auch die Vitrine für die Ausstellung an den Lubelski Galerien zu besorgen, die Oberholzer nach zweitägigem Suchen auch fand – nach Stadtmärschen „bei eisiger Kälte und Schneegestöber und einem ausgewachsenen Muskelkater“. Dabei lernt Oberholzer diesen „Moloch von einer Stadt“ kennen – „Fifth Avenue, Time Square, Wall Street, East Village, Chelsea, Harlem, Downtown, Uptown“.
Glarner berge in New York.

Glarner Berge in New York City

“Ich musste aber auch immer wider in den Central Park, um aufzutanken, ein paar Bäume zu sehen, Vögel singen zu hören und einfach die Ruhe genießen.“ Da kommt Oberholzers Limelight-Schmuck-Stück – sein letztes vor NYC – ins Spiel. Der „Linth Valley Ring“ ist ein Relief des Glarnerlandes und seiner Berge – verschiedener von NYC könnt’s nicht sein – im Maßstab 1:500 000. „Angefangen beim Walensee, talaufwärts bis zum Ursprung der Linth, zum Tödimassiv“. Das Linth-Tal, mit seinen Höhen und Tiefen, läuft „endlos um den Finger, so dass nach dem Tödi gleich wieder der Walensee kommt“, kommentiert Oberholzer.
Dies sind die Arbeiten, denen bei der Vernissage gleich verschiedene Leute sozusagen zum Opfer fallen – eine Glarner Künstlerin und zwei Kanadier. Oberholzer betrachtet den Ring als eine Gravur, das heißt von seinem in intensiver, tagelanger Feinarbeit mit Lupe, Stichel und Fräser auf grund von Glarnerland-Modellen hergestellten Wachsmodell des „Linth Valley“ fertigt der Goldschmied eine limitierte Ausgabe von Ringen als nummerierte Kleinserie. Sauve qui peut! Wer Glück hat, bekommt noch eine Kopie ! unterdessen ist das Original bei der Smithsonian Institution angemeldet. Mal sehen was die New Yorker Kunst-Nabelschnur mit so viel Bergsinn machen wird. „Ich habe mich in letzter Zeit viel mit Oberflächenstrukturen befasst, welche immer grober und tiefer wurden – bis ich automatisch auf Berge und Täler gestoßen bin“, sagt Oberholzer abschließend. Mittlerweile ist der Ring auch für das Glarner Publikum in der Vitrine von Oberholzers Goldschmiede-Atelier in Glarus zu sehen.
„So – so long Broadway…” – vieles an der Gruppe von Glarner Künstlern erregte Staunen im zahlenmässig mässigen Vernissage-Publikum. Dies hat zum Teil mit der Unvoreingenommenheit des NYC-Kunst-Publikums zu tun – nach dem Prinzip, dem Angeklagten das Recht, bis das Gegenteil bewiesen – zum Teil auch mit der Haltung der Künstler selber. Im von Barbara Streiff inspirierten Abenteuer „Swiss Artists From Glarus“ hatten es die Aufgeschlossenen unter den Glarner Künstlern am leichtesten – denn auch NYC ist schliesslich nur eine Konglomeration von kleinen menschlichen und kulturellen Einheiten.


Autor(en): Astrid Brunner
Erschienen in: Südostschweiz